Ich lebe mit meiner Familie in Dortmund

Seit mehr als drei Jahren, seit März 2022, lebe ich mit meiner Familie in Dortmund. Vor dem Krieg war ich noch nie hier gewesen. Mein Bild von Deutschland stammte aus Büchern – Kafka –, aus Filmen, besonders sowjetischen, und natürlich aus Erzählungen von Freunden. Ich kannte „Guten Morgen“ und „Dankeschön“.

Mein Weg nach Dortmund ergab sich eher zufällig. Unterwegs machte ich mir kurze Notizen:

24. Februar 2022 (Donnerstag)
Ich wachte auf. Auf meinem Telefon mehr als 50 verpasste Anrufe. Ich dachte, das Büro werde durchsucht. Der Krieg hatte begonnen.
25. Februar 2022 (Freitag)
Wir verbrachten den Tag mit der Familie im Keller. Ich verfolgte Telegram. Es hieß, noch ein oder zwei Tage, dann sei alles geklärt. Ich entschied: Morgen fahren wir los. Wohin – wusste ich nicht.
26. Februar 2022 (Samstag)
Wir haben nicht geschlafen. Wir fahren Richtung Moldau.
27. Februar 2022 (Sonntag)
Ich frage meine Mutter, welcher Tag heute ist. Sie antwortet: der vierte. Wir haben die Grenze überquert.
28. Februar 2022 (Montag)
Wir verlassen Moldau. Auf der Karte schauen wir einfach nach, wohin wir fahren könnten, und entscheiden uns für Toplița. Eine schöne Strecke. Serpentinen. Berge. Wir fahren den ganzen Tag. Die erste Nacht, in der wir schlafen.
1. März 2022 (Dienstag)
Wir leben von einem Tag auf den nächsten. Wir wissen nicht, wohin es weitergeht. Wir entscheiden uns für Budapest. Wir schaffen es nicht bis dorthin. Die Hotels sind ausgebucht. Wir übernachten alle im Auto an einer Tankstelle.
2. März 2022 (Mittwoch)
Schlecht geschlafen. Kalt. Ungewohnt. Kaffee getrunken. Am Balaton angekommen. Allen gefällt es. Wir bleiben zwei Tage.
3. März 2022 (Donnerstag)
Wir beschließen, nach Deutschland zu fahren: 1.200 Kilometer. Mit einer Zwischenübernachtung. Freunde eines Anwaltskollegen erwarten uns. Sie haben geschrieben, dass in Dortmund eine Wohnung für eine Familie frei ist und sie uns aufnehmen können.
4. März 2022 (Freitag)
Wir fahren ohne Eile los. Durch Österreich. Bis nach Deutschland. In der nächstgelegenen Stadt halten wir zum Übernachten.
5. März 2022 (Samstag)
Den ganzen Tag gefahren. Nachts in Dortmund angekommen. Wir werden empfangen. Das Haus, in dem wir untergebracht werden, ist unbeheizt. Wir schlafen auf Matratzen.
6. März 2022 (Sonntag)
Ich habe Geburtstag. Und ein anderes Leben. Morgen gehen wir uns anmelden. Nach Feiern ist mir nicht. Alles ist unklar: Wie? Wohin? Und wozu?
Hier endet meine Geschichte noch nicht.