Als ich im März 2022 mit meiner Familie nach Deutschland kam, wusste ich nicht, wie es weitergehen und wie ich arbeiten sollte. Zur Erinnerung: Von Februar bis ungefähr Juli 2022 funktionierten unsere ukrainischen Gerichtsentscheidungsregister und die Justiz überhaupt nicht. Zumindest in meinem Tätigkeitsbereich kam die Arbeit für mehrere Monate praktisch zum Erliegen.
Ich kannte damals noch keine Anwaltskollegen in Deutschland. Deshalb besuchte ich die Website der Rechtsanwaltskammer Düsseldorf und informierte mich gründlich über die Voraussetzungen für eine Aufnahme. Nachdem ich die Liste der erforderlichen Unterlagen sorgfältig geprüft hatte, fragte ich bei der Kammer nach, ob ich die Anforderungen richtig verstanden hatte. Man bestätigte mir, dass ich alle notwendigen Dokumente besaß.
Für die Zusammenstellung der Unterlagen einschließlich Übersetzung brauchte ich daher höchstens zwei Monate.
Die erste Voraussetzung war selbstverständlich eine bestehende Zulassung als Anwältin in der Ukraine. Diese musste ich nachweisen und außerdem einen Antrag sowie einen Lebenslauf einreichen.
Eine Besonderheit: In Deutschland muss zwingend eine Berufshaftpflichtversicherung abgeschlossen werden. Ohne entsprechenden Versicherungsvertrag ist die Aufnahme in die Kammer nicht möglich. Außerdem ist eine Gebühr für die Bearbeitung des Antrags zu zahlen.
Weitere zwei Monate später wurde ich in die Rechtsanwaltskammer aufgenommen.
So konnte ich meinen geliebten Beruf wieder ausüben – diesmal in einem anderen Land.
Nach der Aufnahme in die Kammer wird ein besonderes elektronisches Anwaltspostfach (beA) eingerichtet, das dem offiziellen elektronischen Rechtsverkehr dient. Für die Nutzung muss man eine spezielle Zugangskarte und ein Kartenlesegerät erwerben.
Hinzu kommen jährliche Beiträge.
Wie in der Ukraine bedeutet die Mitgliedschaft in einer Rechtsanwaltskammer nicht nur einen Status, sondern auch dauerhafte berufliche Pflichten: Kammerbeitrag, Beitrag zur Finanzierung des beA, Berufshaftpflichtversicherung und verpflichtende Fortbildung.
Am wichtigsten ist jedoch die Entscheidung, in welchem Rechtsgebiet man tätig sein möchte.
Wie organisiert man die Arbeit zwischen Deutschland und der Ukraine?
Büro. Team.
Wenn ich heute zurückblicke, erkenne ich: Die Aufnahme in eine deutsche Rechtsanwaltskammer war nicht das Schwierigste. Schwieriger war es, ganz von vorn anzufangen, den Glauben an den eigenen Beruf zu bewahren und seinen Platz in einem neuen Land zu finden.
Und genau das möchte ich meinen ukrainischen Kolleginnen und Kollegen wohl sagen: Habt keine Angst vor einem Neuanfang. Wer Wissen, Erfahrung und Liebe zum Beruf mitbringt, kann auch in einem fremden Land wieder als Anwalt tätig sein.
Anwältin oder Anwalt zu sein ist mehr als ein Status. Es ist eine Denkweise, Verantwortung und ein Beruf, der einen unabhängig vom Wohnsitzland begleitet.